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Zeus als Latte Art, Zigarren-Cocktails und Kaffee-Tasting-Tipps – ein Besuch auf der World of Coffee
Nach drei Jahren Corona-Pause fand sie wieder statt, die größte Tradeshow der Specialty-Coffee-Szene. In Mailand konnten Besucher Koffein aus aller Welt tanken und gleich fünf Weltmeisterschaften sehen. Wie Specialty Coffee im Ukraine-Krieg hilft, welche Motive bei der Latte-Art-WM zu sehen waren und wie viel Kaffee unser Autor auf der Messe trank.
Den ersten Kaffee gibt es gleich nach der Sicherheitskontrolle: Cold Brew Tonic mit Kaffee aus Guatemala. Ein lautes Schlürfen schallt durch die Halle 1 der Fiera Milano City – die Cuptasting-Bühne befindet sich nicht weit vom Eingang der World of Coffee in Mailand. Etwas weiter tummeln sich Rohkaffee-Exporteure aus Afrika und Südamerika, doch die richtige Kaffee-Action steigt eine Halle weiter. Dort befinden sich Cuppingräume, das Roasters Village mit Röstereien aus aller Welt und zahlreiche bunte Messestände auf rotem Teppich. Hario, Ikawa, Loring, Giesen – all die großen Namen der Specialty-Welt sind auf engstem Raum versammelt.

Über 11.000 Besucher und rund 350 Aussteller aus 137 Ländern: Die World of Coffee ist die weltweit größte Tradeshow der Specialty-Coffee-Szene, organisiert von der Specialty Coffee Association (SCA). Es ist die erste World of Coffee seit drei Jahren – aufgrund der Pandemie wurde die Messe zweimal abgesagt. Ursprünglich sollte sie in Warschau stattfinden, aber aufgrund der zahlreichen ukrainischen Flüchtlinge – die auch in der Messe in Warschau unterkamen – wurde sie nach Mailand verlegt. Dieses Jahr sollen sämtliche Erlöse der ukrainischen Coffee-Community zu Gute kommen.
Tag 1, Donnerstag: Im Roasters Village – Spezialitätenkaffee aus aller Welt
Schwarz-weiß-gestreifte Mini-Dächer, Kaffeebars soweit das Auge reicht und kunstvoll designte Siebträgermaschinen von Victoria Arduino – das Roasters Village in Halle 2 ist ein Paradies für jeden Kaffeeliebhaber. Gleich 82 Specialty-Röstereien aus aller Welt haben sich hier versammelt, aus England, Deutschland, Rumänien, Litauen, der Schweiz, der Ukraine, Slowenien, Dänemark, Holland, der Slowakei, aber auch aus Frankreich und und und. Hier gibt es nicht nur die besten Kaffees der Welt, auch einige der besten Baristi weltweit stehen am Tresen. Etwa Tetsu Kasuya (World Brewers Cup Champion 2016) am Stand von Mame aus Zürich oder Lisa Fjodorowska (Brewers Cup Champion Ukraine 2019) am Stand von YoCo aus der Ukraine.

Am Stand von Coffee Collective aus Kopenhagen probiere ich erst den Los Rodriguez (Bolivien, Caturra, Natural) und dann eine Rarität: den Takesi Geisha (Bolivien, gewaschen) – er schmeckt wirklich angenehm fruchtig und süß (meine Kaffees Nummer zwei und drei für heute). Eine Tasse wird im Café in Kopenhagen für umgerechnet etwa zehn Euro verkauft. Aber sind die Leute wirklich bereit, so viel Geld auszugeben? „Definitiv, das ist weniger als ein Glas Wein in den meisten Restaurants“, sagt Co-Funder und Buchautor Klaus Thomsen. Es sei einer der begehrtesten Kaffees der Welt, der von geschulten Baristas sorgfältig gebrüht wird. „Ich glaube, die Leute verstehen das.“
Rösterei aus der Ukraine: Mit Specialty Coffee durch den Krieg
Ein Stück weiter im Roasters Village hat eine junge Rösterei aus der Ukraine ihren Stand: YoCo. Lisa Fjodorowska brüht den Kaffee mit viel Routine auf und schenkt mir frischen Kaffee ein (Los Pinos, Nicaragua, Natural) – der Kaffee schmeckt nach Limone und angenehm (Tasting Notes: Süße Zitrone, Goldener Rum und roter Apfel). Anschließend probiere ich den Sidamo Dara aus Äthiopien (Washed, Heirloom) Das waren meine Kaffees Nummer vier und fünf.
Die ukrainische Rösterei (im Mai 2021 gegründet) musste in Folge des russischen Angriffskrieges von Kiew nach Lwiw umziehen, erzählt Lisa. „Jeder brauchte Kaffee: das Militär, die Freiwilligen, die Kaffeehäuser.“ Trotz des Krieges wurden neue Kaffeehäuser im ganzen Land eröffnet und die bestehenden nahmen ihre Arbeit wieder auf – auch YoCo. Die ukrainische Rösterei begann, Röstkaffee zu exportieren – vor allem nach Polen. Jetzt will YoCo eine Filiale in Warschau eröffnen.

„Während wir zu Hause einen Krieg haben, werden wir alles tun, um sowohl in der Ukraine als auch in Warschau hochwertigen Specialty-Coffee anzubieten.“ Denn: Der Kaffee helfe im Krieg. Anschließend probiere ich eine Koffein-Cola bei der Fest Coffee Mission, einem Rohkaffee-Importeur aus der Ukraine. Mein Koffein-Spiegel steigt.
„Während wir zu Hause einen Krieg haben, werden wir alles tun, um sowohl in der Ukraine als auch in Warschau hochwertigen Specialty-Coffee anzubieten.“
Lisa Fjodorowska, Head Barista bei YoCo (Ukraine)
Ein Geheimtipp fürs Kaffee-Tasting
Meine Tasting-Skills sind noch rudimentär, aber ich schmecke immerhin den Unterschied zwischen fruchtig und schokoladig und Süße und Säure. Wie kann ich meine Tasting Skills verbessern? „Finde einen Barista, dem du vertraust – und lass ihn dich überraschen“, rät mir Thomas Howard. Der Amerikaner ist Head Barista von El Purica, einer Specialty-Rösterei aus Freiburg. Dann gibt er mir einen Geheimtipp: Ein Stück Schokolade vor dem Coffee-Tasting. Das Fett sei Geschmacksträger, es öffnet den Geschmack. Und tatsächlich: Es wirkt. Ich probiere meine Kaffees sechs bis sieben – diesmal zwei Espressi – und werde seine Tipps bei meinen nächsten Cuppings beherzigen.
"Bilanz des ersten Tages: sieben Tassen Kaffee – und eine Kaffee-Cola."
Zurück im Hotel kann ich bis etwa um zwei Uhr nachts nicht einschlafen, weil ich zu viel Kaffee probiert habe. Bilanz des ersten Tages: sieben Tassen Kaffee – und eine Kaffee-Cola.
Tag 2, Freitag: Filterkaffee mit einer Espressomaschine
Am Stand der Simonelli-Gruppe aus Belforte del Chienti bei Ancona gibt es nach Kaffee eins und zwei (Espressi) ein kleines Wunder zu sehen: Eine Espressomaschine, die auch Filterkaffee kann. An der Kaffeeinnovation und der Pure-Brew-Technologie der Marke Victoria Arduino hat das italienische Unternehmen lange gefeilt, erzählt ein Mitarbeiter am Stand. Die Black Eagle Maverick soll es Baristi erleichtern, schneller auf die vielseitigen Wünsche der Kunden einzugehen. Die Maschine könnt ihr übrigens auch in unserem Shop in Berlin testen.
Zeus als Latte-Art
Auf der Latte-Art-Bühne ein Stück weiter wartet ein Ausflug in die griechische Mythologie: Christos Douvas von The Underdog aus Athen gießt kunstvoll den Kopf von Zeus in den Kaffee. Es folgen Alexander der Große mit einem Speer auf einem Pferd und der nemeische Löwe – nach der griechischen Mythologie ein unverwundbarer Löwe. Bei der Latte-Art-Weltmeisterschaft gibt es zwei Wettbewerbs-Modi: Free Pour und Designer Latte. Free Pour bedeutet, dass das Motiv in der Tasse mit der Milchkanne gegossen werden muss. Beim Designer Latte-Motiv darf ein kleiner Stab benutzt werden, um das Motiv zu verfeinern und in der Tasse zu zeichnen. Douvas wurde übrigens der sechste in der Latte-Art-Weltmeisterschaft.
Zurück im Roasters Village: Kaffee tanken
Dann zieht es mich zurück ins Roasters Village. Meinen neugierigen Blick fängt ein Barista von Assembly Coffee London auf. Er lässt mich einen angenehmen Filterkaffee aus Jemen probieren: den Ali Alsuwaidi Yemenia (Kaffee Nummer drei für heute). Schmeckt angenehm saftig (Tasting Notes: Blutorange und Limette). 200 Gramm dieser Rarität verkaufen die englischen Röster online für 60 Pfund.

Bei Bugan Coffee Lab, einer preisgekrönten Specialty-Rösterei aus Bergamo probiere ich meine nächsten Kaffees. Zunächst einen Bolivianischen (Anaerobic natural, Ananas, getrocknete Früchte, Birne), von dem mir nur sehr wenig eingegossen wird. „Wir versuchen, die Leute nicht zu überkoffeinieren“, sagt mir der Mann an der Theke freundlich und schenkt mir noch etwas mehr ein. Der Kaffee schmeckt wirklich angenehm süß und fruchtig. Dann taste ich den Guapacha aus Kolumbien (Castillo-Varietät, Natural, Tasting notes: Kirsche, Pfeilchen, Maulbeere, Erdbeere, Traube). Meine Kaffees vier bis fünf.
„Ich wollte auch die Konsumenten mit der Zigarren-Deko an die harte Arbeit der Kaffeefarmer erinnern"
Sion Wu, CIGS-Champion aus Taiwan
Kaffee-Cocktails und Zigarren
Auf der Coffee in Good Spirits Championship dreht sich alles um Kaffee und Spirituosen. 23 nationale Champions aus aller Welt konkurrieren um den Titel, mit dabei auch unser Vlad aus der Ukraine (hier könnt ihr alles über ihn und seine Performance lesen). Sion Wu aus Taiwan nutzt Zigarren als Dekoration seines Cold Drinks. „Um eine Verbindung zur nebligen Luft der Kaffeeregion herzustellen und die ganze Szene einzuhüllen“, erläutert er auf der Bühne (zum Video seiner Performance). „Ich wollte auch die Konsumenten an die harte Arbeit der Kaffeefarmer erinnern und sie den leckeren Geschmack von Spezialitätenkaffee wertschätzen lassen.“ Sein schwarzer Anzug sollte an die sonnenverbrannte Haut der Kaffeefarmer erinnern, sagt er mir später. Und die rote Krawatte an die rote Kaffeekirsche.
Coole Leute aus Transsilvanien
Auf der Messe trifft man neben viel Kaffee vor allem auf viele entspannte Leute. Vor dem Halbfinale der World Coffee in Good Spirits (Vlad ist erst um 17 Uhr dran) komme ich mit den Leuten von Meron aus Transsilvanien ins Gespräch. „Roasting light – staying bold“, ist deren Motto, ein gelbes Design mit ethnischen Grafiken ziert den Stand. Ich taste den – Diego Samuel – einen sehr süßen Espresso aus Kolumbien, der sehr fruchtig schmeckt (Tasting Notes: Hibiskus, rote Pflaumen, Blutorange) und unterhalte mich mit Barista Bicu. Er will unbedingt an Kaffee-Meisterschaften teilnehmen, ob in der Kategorie Barista, Latte Art oder Cuptasting – das ist ihm nicht wichtig. "Ich will der Welt unsere Kaffees zeigen – und neue Leute kennen lernen", sagt sein Kollege Cristi Oltean, rumänischer Latte-Art-Champion mit langen Haaren und stylischer Brille. Nächstes Jahr wollen er und sein Team zum London Coffee Festival, nach Paris und nach Dubai.

Meine Bilanz des Tages: wieder sieben Kaffee. Zurück im Hotel schlafe ich früh ein, heute hat mich das Koffein verschont.
Tag 3, Samstag: Die Finals, viel Rohkaffee und ein junger Röster
Mittlerweile sind Ivo und Yvonne angekommen, wir gehen zusammen durch die Messehalle. Auf dem Weg zu den Finals der Weltmeisterschaften in Latte Art und Coffee in Good Spirits nehme ich noch etwas Rohkaffee aus Brasilien mit. Emmanuel aus Ruanda will mich nicht vorbeilaufen lassen, bevor er mir auch zwei Coffee Samples gegeben hat. „Rohkaffee bekommt man auf solchen Events mehr als im Koffer Platz ist“, warnt mich Ivo.

Am Stand von Guatemalian Coffee, den Partnerland der diesjährigen WOC probiere ich drei Kaffees – darunter einen Geisha und einen Carbonic Maceration (mehr dazu hier). Direkt am Stand treffe ich die Kaffeefarmerin, die ihn produziert hat: Yancy Perez von der Finca La Senda, die mir drei ihrer besten Mini-Samples direkt aus ihrem Koffer hinter der Theke gibt. „Da haben wir etwas zum experimentieren“, freut sich Ivo trotzdem. Weiter geht’s zum Stand von Simonelli, wo ich meine Kaffees vier bis fünf trinke. Ivo bleibt am Stand von Simonelli, ich gehe mit Yvonne ins Roasters Village.
Der jüngste im Röster-Dorf
Ein Stück weiter treffe ich den wohl jüngsten Röster im Roasters Village: Luka Banovic aus Ljubljana. Der Slowene mit langen Haaren und braunen Augen studiert Jura und ist erst 21 Jahre alt, aber schon ein Kaffee-Vollprofi. Mit 17 hat er seinen ersten Specialty Coffee bei einer lokalen Rösterei in Ljubljana probiert, kurz vor seinem 18. Geburtstag kaufte er sich schließlich selbst einen kleinen Röster und begann sein Handwerk mit Banibeans – eine „Nano-Rösterei", wie Luka sie nennt.
„Die Röstung entscheidet über den Geschmack in jeder Tasse und der Röster kann einen großen Unterschied machen“, sagt Luka. Er lässt mich einen Kaffee (Nummer sechs) aus Ruanda probieren, der mir sehr schmeckt (Bourbon, Tasting Notes: Mango, Himbeere, dunkle Schokolade). Luka exportiert bereits Kaffee nach Deutschland, Paris und Polen. „Generell mögen Slowenen dunkle Röstungen und starken Espresso – wir sind da sehr beeinflusst durch Italien“, erzählt Luka. Die Specialty Szene in seinem Land ist noch nicht sehr entwickelt, nur in der Hauptstadt und in Maribor gibt es einige Röster. Aber die jungen Leute interessieren sich und Luka will die Specialty-Szene in Slowenien beeinflussen.
Ein indonesischer Prozess
In der Slowakei ist Specialty-Coffee bereits weit verbreitet, erzählen mir die Jungs von Goriffee, selbst in kleineren Städten gibt es Röster. Allerdings dominiert der kommerzielle Kaffee. Ich probiere bei ihnen zwei weitere Kaffees. Bei Qube Coffee probiere ich zwei Kaffees aus Indonesien: den Lintong Nauli (aus Nord-Sumatra, wet hulled) und den Ijen Lestari (aus Ost-Java, Carbonic Maceration). Interessant ist dabei die Fermentierung des ersteren.

Giling Basah bedeutet übersetzt "wet hulled" und ist eine Verarbeitungsmethode, die vor allem in Indonesien angewendet wird. Die Kaffeebohnen werden dabei mit 20-24 Prozent Feuchtigkeit in einem Enthülser verarbeitet, der extra für halbtrockenen Kaffee entworfen wurde. Diese Methode wird in sehr feuchten Umgebungen angewandt. Nass geschälte Bohnen haben eine bläuliche Färbung.

Tirstan von Keen Coffee aus Utrecht lässt mich zwei leckere Filterkaffees probieren. Quiquira, einen fruchtigen Filterkaffee aus Peru (Caturra) und Gicogi Bwho, einen Natural Bourbon (Tasting Notes: Guave, Vanille, Melone) aus Ruanda.

Die Bilanz des letzten Tages: zwölf Kaffee. Das bedeutet Tagesrekord!
Das WCIGS-Finale – Vlad wird Vizeweltmeister
Zusammen mit Nicole, Ivo, Yvonne, Valerija und dem ukrainischen Fan-Club beobachten wir gespannt das Finale der Coffee in Good Spirits Weltmeisterschaft (WCIGS). Unser Vlad mixt neben dem klassischen Irish Coffee seinen Sunny Rainy Day in Dnipro, einen Nitro-Cocktail mit einer Non-Gravity-Wolke, definitiv eines der Highlights der diesjährigen Weltmeisterschaft. Mehr zum Finale, Vlads Performance und seinen Cocktails könnt ihr hier nachlesen.
Bilanz der Messe: sehr viel Koffein
26 Tassen (oder kleine Becher) Specialty Coffee aus aller Welt in drei Tagen – das ist meine Bilanz meiner ersten World of Coffee. Doch ein Koffeeinfasten nach der Messe kommt nicht in Frage. Denn mit einigen Röstern habe ich Röstkaffee-Samples getauscht, die wir bei uns in Berlin tasten wollen. Dazu stehen Cuppings der Rohkaffees aus Brasilien, Ruanda und Guatemala an. Mit einem vollen Koffer (darunter einiges Equipment von Vlad, Röstkaffee von Röstern aus aller Welt und diverse Werbegeschenke) reise ich heim.

Nächstes Jahr findet die World of Coffee übrigens in Athen statt. Ein Besuch lohnt sich!
written by
Christopher Braemer
Christopher ist gelernter Journalist und arbeitet im Marketing von Röststätte Berlin. Für den Blog schreibt er über Kaffee aus aller Welt, aber auch über Wirtschaft, Politik oder Nachhaltigkeit. Wenn ihr Fragen oder Anregungen habt, schreibt uns gern eine Nachricht.

Fotos: Christopher Braemer, SCA, YoCo, Miha Rekar
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